Abschaffung des Zivildienstes: Das kommende Desaster im Sozialbereich

Ein kleiner Nachtrag an Zukünftige Leser: Ich merke, dass dieser Beitrag oft im Zusammenhang mit der Suche nach Infos über den Bundesfreiwilligendienst gelesen wird. Die Lage ändert sich fast wöchentlich und ich hab keine Lust dauernd was zu verändern, also kann gut sein, dass es mitlerweile anders aussieht. Aktuelle Infos gibt es hier

Um nochmal auf den Guttenberg-bashing-Zug aufzuspringen, der gerade durch die Lande zieht, möchte ich über ein Thema schreiben, das meiner Meinung nach noch gravierende Folgen haben wird: Die Aussetzung der Wehrpflicht und damit auch die Aussetzung des Zivildienstes. Als Zivi bekomme ich gerade live mit wie die Sozialverbände am durchdrehen sind und versuchen die Zivis so lange wie möglich zu halten. (man kann auf bis zu 12 Monate verlängern, ich habe auf 9 Monate verlängert, da ich sowieso diese Zeit überbrücken muss) Vor Allem aber ist der Ersatz des Zivildienstes, der Bundesfreiwilligendienst ein komplettes Desaster. Ich kann mir kaum vorstellen, wie man das noch schlechter lösen könnte. Da hat Frau Schröder vom „Bundesamt für Familien, Senioren, Frauen und Jugend“ wirklich erstklassige Scheiße konstruiert.

Aber eins nach dem Anderen. Es gibt im Sozialbereich eine ganze Menge Arbeiten, die im Prinzip jeder leisten kann, die aber in der Praxis so schlecht bezahlt sind, dass sie niemand leisten will. Dafür sind Zivis gedacht. Ich zum Beispiel helfe einem querschnittsgelähmten Studenten durch den Alltag, der seine Arme nur eingeschränkt benutzen kann. Das bedeutet unangenehme Dinge wie Waschen und Pflege, aber auch sehr coole Sachen wie mit ihm Feiern gehen, Kochen und Kippen stopfen. Alles in Allem habe ich sehr wenig zu tun, es ist aber notwendig, dass immer jemand da ist. Das heißt er brauch eine 24 Stunden Betreuung und das bedeutet wiederum, dass bei diesen einen Studenten 4 Zivis arbeiten, und ab und zu ein paar ehemalige Zivis Jobben. Eine solche Betreuung ist kaum mit Hauptamtlichen Helfern denkbar, da diese viel zu teuer sind. Als Behinderter hat man aber einen Anspruch auf eine solche Betreuung und wenn es zu wenig Zivis gibt, dann müssen das Hauptamtliche Arbeiter übernehmen. Zivis werden vom Bund bezahlt, die Hauptamtlichen Helfer von den Kommunen, Städten und Versicherungen. Die Abschaffung des Zivildienstes ist also vor allem eine Sparmaßnahme zu Lasten der sowieso total überschuldeten Städte und Gemeinden und Versicherungen.

Wir haben jetzt folgende Situation: Diesen Sommer hören die letzten Zivis auf ihren Dienst zu leisten. Blöderweise ist es gleichzeitig so, dass 2012 der Doppelte Abitursjahrgang als Folge der G8 Reformen in Baden Württemberg kommt. Ich glaube kaum, dass viele Abiturienten so dumm sind 2011 ein FSJ oder den neuen Bundesfreiwilligendienst zu machen, denn dann würden sie in genau diesen Jahrgang rutschen. 2012 wird es dagegen eine Schwemme bei den Freiwilligendiensten geben. Ein weiteres Problem: Zurzeit gibt es etwa 90 000 Zivildienstleistende und 35 000 FSJler, und das sind schon zu wenige. Der Bundesfreiwilligendienst hat eine Beschränkung auf maximal 35 000. Dafür geht er ein Jahr statt 6 Monate ist aber von den Bedingungen her eine ähnliche Ausbeutung wie das FSJ.

Was uns zu den Freiwilligendiensten selbst führt. Um diese Attraktiv zu machen geht es um zwei Dinge: Geld und Rechte. Als Zivi habe ich es noch sehr gut. Ich bekomme über 550 € Sold und zusätzlich die Miete für mein kleines Zimmer. Ich habe einen Zivildienstausweis mit dem ich kostenlos nach Hause fahren kann, Rentenzahlungen und einen Pott von über 600 Euro für Bildungsmaßnahmen (z.B. Sprachreisen). Damit lässt es sich gut leben. Ich lebe weit über den Hartz 4 oder BAFÖG Niveau und freue mich des Lebens. Dazu kommt: Ich habe sehr viele Rechte. Es gibt ein eigenes Arbeitsrecht für den Zivildienst und es gibt unabhängige Regionalbetreuer bei denen man sich beschweren kann, wenn man sich ausgebeutet fühlt. Natürlich bin ich so etwas wie Staatseigentum, ich kann wie ein Soldat ein Disziplinarverfahren bekommen und habe eine eingeschränkte Meinungs-und Bewegungsfreiheit. Faktisch interessiert das aber niemanden und ich habe auf jeden Fall mehr Freiheiten als ein Soldat.

Wäre der neue Bundesfreiwilligendienst so Attraktiv wie der Zivildienst, hätte ich keine Bedenken, dass es genügend Freiwillige gäbe. Besonders bei Frauen habe ich oft erlebt, dass diese grundsätzlich gerne ein Jahr lang etwas Soziales tun würden, es dann aber wegen den schlechten Bedingungen beim FSJ gelassen haben. FSJler bekommen weit weniger Geld, keine Mietkostenerstattung aber dafür zusätzlich noch Kindergeld. (Ich kenne eine FSJlerin, die mir gesagt hat sie lebt von 400€ im Monat, wovon ein Großteil für die Miete drauf geht. Beim Bundesfreiwilligendienst soll es etwas mehr Geld geben, dafür aber kein Kindergeld. Die Mieterstattung fällt auch weg, denn über die müsste im Bundesrat abgestimmt werden. Für FSJ und BFD gibt es kaum Kontrollinstanzen, die einen vor Ausbeutung schützen und die Arbeitszeiten sind (zumindest beim FSJ) viel härter. Warum überhaupt diese Doppelstruktur? Das FSJ wird von den Ländern finanziert, der Zivildienst bzw. der zukünftige Bundesfreiwilligendienst vom Bund. Und die konnten sich auf nichts einigen. Vor Allem geht es aber darum die Zivildienst Srukturen zu erhalten. Guttenberg hat die Wehrpflicht ja nur ausgesetzt, um eine Grundgesetzänderung zu umgehen. Das heißt sie kann theoretisch jederzeit wieder kommen. Der Bundesfreiwilligendienst hat den Sinn, das Bundesamt für den Zivildienst, die 17 Zivildienstschulen und alles was noch so drann hängt am Leben zu halten, für den Fall, dass der Wehrdienst wieder eingeführt wird.

Letztendlich ist diese Reform eine Sparmaßnahme, die ziemlich teuer wird. Denn es wird garantiert zu wenig Freiwillige geben. Bei diesen Bedingungen kann ich es mir nicht anders vorstellen. Das heißt man muss für völlig einfache Aufgaben hauptamtliche Pfleger einstellen. Und das ist teuer! Über einen Pflichtdienst kann man ja streiten. Wenn dann bitte einen für alle, also Männer und Frauen, der einfach als Verlängerung der Schulpflicht gedacht ist und in vielen Bereichen möglich ist. Grundsätzlich ist ein Freiwilligendienst natürlich besser, dann muss er aber auch Attraktiv sein. Ein Freiwilligendienst, der faktisch unter dem Harz 4 Niveau liegt ist eine Beleidigung für Menschen die Freiwillig ein Jahr ihres Lebens für die Gemeinschaft spenden. Die neuen Dienste lohnen sich nur noch für Menschen die bei Mutti wohnen bleiben.

PS: Ich soll unbedingt Werbung für die neuen Dienste machen, meine Dienststelle braucht dringend Leute ab den Sommermonaten. Wer noch nicht weiß was er tun will kann sich z.B. bei der Awo Freiburg melden, oder bei entsprechenden Verbänden in deiner Stadt. Es ist trotz allem eine tolle Erfahrung, wenn man nicht gerade im Altenheim landet. (und sogar von da habe ich positives gehört)

Ach ja, bei dem Thema hört man von jeden mit dem man redet etwas anderes. Die hier genannten Infos sind vor allem von meiner Dienststelle, ich werde einige Fakten aber nochmal überprüfen. Noch ist der BFD ja nur ein Gesetzentwurf. Links und Quellen werden nachgereicht, aber jetzt gehe ich erstmal pennen. ;)

Diesem Artikel verdanke ich Übrigends einen Fernsehauftritt.

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