Neujahrsessay (leicht verspätet)

Hab gerade den Neujahrsessay wieder gefunden, den ich eigendlich (man glaubt es kaum) zum Neujahr veröffentlichen wollte. Habs verballert. Das hole ich hiermit jetzt nach:

2010 du gehst langsam einem Ende entgegen. Das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends und das erste Jahrzehnt, das ich wirklich bewusst erlebt habe.  Und ich sehe eine verkaterte Gesellschaft. Verkatert von den vergangenen Wirtschaftswundern der Nachkriegszeit.  Verkatert von einer schnellen, auf Hochglanz polierten Zeit. Einer Zeit wie es sie noch nie im vergleichbaren Ausmaße gab. Es war eine Party, und jetzt folgt der nächste Morgen. Der Morgen an dem uns das Ausmaß der Party bewusst wird. Die verqualmte Luft, die sinnlosen Schlägereien, die unterbezahlten Kellner, der Müll und die leeren Konten. Aber auch der Spaß, die neuen Denkweisen durch neue Gesprächspartner und dass die Party erstaunlich friedlich verlaufen ist.

Jetzt ist aufräumen angesagt, und wir fragen uns: war es richtig? Wir haben in einen halben Jahrhundert unsere Vorratsräume fast leergefressen und sind doch nicht satt. Eine Wohlstandsgesellschaft  in dem jeder glaubt er hätte zu wenig. Lass uns Probleme erfinden um das Aufräumen noch etwas auf zu schieben! Lasst uns das Glück jagen und in den Clubs einsperren!

Und letzten Endes ging es um Glück. Es geht immer um Glück.  Dieses komische Ding, von dem niemand wirklich weiß, was es ist – ein Phantom, das schon seit Menschengedenken gejagt wird. Das Problem dabei: Dieses Phantom hat die Eigenart, sich denen zu zeigen, die nicht nach ihm jagen. Logisch! Ein Superstar wie das Glück verbringt seine Zeit lieber mit sympathischen Zufallskontakten als mit den Millionen nervigen Groupies. Doch ich will nicht von denen reden, die das Phantom länger als ein paar kurze Momente gesehen haben. Ich will von den Jägern sprechen, die Leute, die es einsperren wollen und wie ein Sklave in Ketten legen. Die Art der Jagd hat sich über die Jahrtausende geändert. Heute gibt es unzählige kleine bunte Bücher mit vielen schlauen, sich widersprechenden Weisheiten wie man zum Glück kommt. Und Glücksvorstellungen sind zu oft missionarisch. In hunderten Kreuzzügen wurde das Seelenheil mit Schwert und Lanze in die Herzen der Menschen gepresst.

Denn oft, wenn jemand meint, das wahre Glück gefunden zu haben, will er Andere dazu bringen, es auch zu sehen und erfindet eine philosophische Richtung, eine Religion oder ein politisches System. Menschen, die die Gemeinschaft brauchen, predigen von Nächstenliebe oder Sozialismus. Andere, die eine Herausforderung, das Risiko und den Wettkampf lieben, von Kapitalismus und dem amerikanischen Traum. Und jeder denkt, was für ihn richtig ist, sei auch für alle Anderen richtig. Doch das bringt uns in ein Dilemma: Wie soll innerhalb eines Systems der Idealist und der Materialist nebeneinander glücklich werden?

Hormone – Dieses Wort hat mit seiner Entdeckung plötzlich allen Theoretikern die Argumentationsgrundlage genommen. Das Phantom unserer Opas wurde entzaubert. Alle Glücksideen sind nur noch Beschreibungen der Symptome, reine Biologie. Das wahre Glück kann man sich spritzen.

Doch verändert diese Entdeckung wirklich so viel? Ist es nicht nur eine neue Beschreibung einer alten Sache? Trotz aller Erkenntnis hat sich das menschliche Dasein nicht wirklich geändert. Irgendwie sind wir Jäger und Sammler geblieben. Wir jagen das Glück und sammeln Erinnerungen daran. Das Phantom hat seinen Zauber noch lange nicht verloren.

 

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