Einheitenchaos bei Strahlenwerten – und ein Lösungsansatz mit Bananen und Zigaretten

Bei den ganzen Meldungen aus Fokushima bleibt es dem Laien oft schleierhaft wie schlimm die Situation eigentlich ist.  Das liegt unter Anderen an der sehr verwirrenden Einheit für Strahlung: Das Sievert

Mal wird es in Sievert pro Jahr, mal in Sievert pro Stunde und manchmal ganz anders angegeben. Und letztendlich kann sich niemand etwas darunter vorstellen. Andreas Eschbach fast das ganz gut in seinen Blog zusammen:

Die Einheit Sievert ist ohnehin unpraktisch genug – ungefähr so, als hätte man als Einheit für das Gewicht die Tonne gewählt statt des Kilogramms („bitte hundert Mikro-Tonnen Salami, bitte“). Die alte Einheit für die Strahlenbelastung, REM, war wesentlich handlicher und eindrücklicher, und ich werde seit damals, als das Sievert eingeführt wurde, den leisen Verdacht nicht los, dass das dazu dienen sollte, radioaktive Belastungen kleinzureden: Milli-Sievert, das klingt wie Milli-Meter und Milli-Liter, wie etwas Kleines, Vernachlässigbares also.

Und nun, als wäre es nicht schon schwierig genug, Mikro und Milli auseinanderzuhalten, dauernd diese Vergleiche zwischen einer momentanen Strahlenbelastung und der jährlichen Strahlenbelastung. (Auch die Angabe „Milli-Sievert pro Woche“ habe ich schon gelesen, damit es nicht zu einfach wird.)

Wenn man schreibt, die Strahlung an einem bestimmten Punkt betrage in einer Stunde z.B. das Vierfache der normalen jährlichen Strahlenbelastung, dann klingt das nicht so beunruhigend, wie es sollte: Denn man muss diesen Wert ja mit der Anzahl der Stunden eines Jahres multiplizieren, um ihn wirklich vergleichen zu können! Ein Jahr hat 8760 Stunden – also heißt obige Angabe, dass die Strahlung 35.000-mal so hoch ist wie normal! Darunter könnte man sich etwas vorstellen.

Ok Eschbachs Vorschlag ist natürlich eine Lösung, es gibt aber auch andere. Zum Beispiel die Einheit „banana equivalent dose (BED)“. Sie ist irgendwie geschmacklos, und sie basiert auf Bananen.  Was viele nicht wissen: Bananen sind leicht radioaktiv. Das liegt an dem Kalium in ihnen, das in der Natur zu 0,012% Radioaktiv ist. Das entspricht 100 Mikrosievert (also ein Millionstel Sievert) pro Banane. Bananen stellen deshalb übrigens auch Antimaterie her. (etwa alle 75 Minuten ein Positron)

Die Menschen in Tokio sollen zum Beispiel zur Zeit einer Strahlendosis ausgesetzt sein, die einer Banane pro Stunde entspricht.  Der englische Wikipedia Artikel zur BED behauptet, eine BED entspricht dem Krebsrisiko von 1,4 Zigaretten.  Darunter kann man sich besser etwas vorstellen. Die Menschen in Tokio müssen also gerade ein Krebsrisiko von 33,6 Zigaretten pro Tag aushalten. Jeder, der schonmal auf einen Festival war weiß: über kurze Zeit kann man das gut aushalten.

Die Zwei hochgradig verstrahlten Mitarbeiter am Kraftwerk haben zwischen 2 und 6 Sievert abgekriegt. (bizarrerweise heißt es im Artikel „between 2,000 and 6,000 millisieverts“, warum geben die eine Zahl mit drei Nullen in Milli, also Tausendstel an?)
Die Grenze zur tödlichen Dosis liegt so um die 5 Sievert, sagt man. Das bedeutet eine Strahlenbelastung wie nach 60 000 Bananen oder das Krebsrisiko von 84 000 Zigaretten. Hoffentlich nur in ihren Beinen.

EDIT: Scheinbar handelte es sich bei letzeren Wert um einen „Messfehler“ und er lag in Wahrheit um den Faktor 100 niedriger. Aber immernoch übel.

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2 Antworten zu Einheitenchaos bei Strahlenwerten – und ein Lösungsansatz mit Bananen und Zigaretten

  1. crisismaven schreibt:

    Ja, es ist ein Kreuz – die meisten kennen sich mit der Umrechnung von Kleidergroessen zwischen Urlaubs- und Heimtland besser aus.
    Ich habe mal versucht, das gesamte Ausmass der Japan-Atomkatastrophe und was sie fuer Europa bedeutet hier uebersichtlich zusammenzufassen:
    http://www.dasgelbeforum.de.org/forum_entry.php?id=208864
    Dort auch Hinweise zum Umgang mit radioaktiv verseuchtem Wasser.

  2. Mechthild schreibt:

    Wer hat behauptet, dass Kern-Physik einfach sein muss ? Falls die Sieverts Dir zu milli mikro oder nano sind, schau doch mal bei den Becquerels rein. Derzeit pustet das AKW Neckarwestheim II jede Stunde 300 MegaBq Edelgase durch den Kamin, also 83 kiloBq pro Sekunde, also 83tausend Zerfälle pro Quadratsekunde (hä?)
    Ist das jetzt viel oder wenig ? Naja, das AKW hat die Genehmigung, maximal 10 hoch 15 Bq pro Jahr rauszulassen, also ein PetaBq = 1000 TeraBq=1Million GigaBq=… Da das Jahr etwa 31,5 Gigasekunden hat, darf Neckarwestheim also fast 32 MegaBq pro Sekunde rauspusten http://www.uvm.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/70590/ Genehmigungstechnisch hat der Kamin von Neckarwestheim II also weniger als 0,3 Promille. Das ist doch wenig, oder? Ganz anders Neckarwestheim 1! Das ist nämlich STILLGELEGT. Hier kommen laut Ba-Wü AKW-Überwachung http://www.uvm.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/70589/ derzeit 333 MegaBq/h raus, also 92,5 kilo Bq/s. Das Limit, ab dem man nicht mehr von Normalbetrieb sprechen darf, liegt hier deutlich niedriger bei nur 0,9 PetaBq/a, also 28,5 MegaBq/s
    das sind schon deutlich mehr als 0,3 Promille des Nomalbetriebsgrenzwertes.
    Das abgeschaltete Kernkraftwerke mehr rauspusten als eingeschaltete, ist ja nicht wirklich paradox, oder ?
    Wieviel Bananen man in so einem Abluftkamin rauchen müsste, um auf die selbe Dosis zu kommen, soll doch mal ein Physiker für uns ausrechnen.

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